Fahrt des Haager Komödienbrettl nach

 CinqueTerre

 

 

Seit nunmehr 17 Jahren schreibe ich jedes Jahr ein Theaterstück für das Haager Komödienbrettl. Dabei hatten wir viele Schauplätze auf unserer Bühne: Arztpraxis, Wohnzimmer, Gaststube, Baustelle, Ministerium, Chefetagen, Kursanatorium, um nur einige zunennen. Manche Schauplätze bringt man aber nicht so einfach auf eine kleine Bühne und so wichen wir 2004 für „Servus Bockerl“,das auf einem Bahnhof spielte und 2010 mit dem Wertstoffhofstück „Schrott sei Dank“ ins Freie aus. Spannende und risikoreiche Unternehmen, da mit hohen Produktionskosten verbunden und stark abhängig vom Wetter.

Seit „Servus Bockerl“ haben wir mit Reimund einen Profi-Kameramann und seit einigen Jahren mit Toby auch einen Profi-Cutter bei uns in der Truppe. Und so musste zwangsläufig irgendwann die verrückte Idee entstehen, ein Theaterstück zu schreiben, bei dem man Bühne undFilm miteinander verbindet. Ich weiß gar nicht, ob es so etwas schon gibt,vermutlich ja, aber wahrscheinlich nicht im Amateurbereich, denn man mussAutor, Kameramann und Cutter in einem Verein haben, die so etwas ohne Kostenmitmachen, anders wäre das nicht zu finanzieren. Und selbstverständlich braucht man auch Vereinsmitglieder, die dahinter stehen, sonst ginge das auch nicht.Beim Haager Komödienbrettl trifft das alles zu – Zufall, Fügung oder Riesenglück?

Als die Idee geboren war, musste eine Geschichte erfunden werden. Es sollte nicht irgend etwas sein, sondern etwas Besonderes. Der Film sollte nämlich nicht bei uns spielen, sondern im Ausland,speziell in Italien. Das bedeutet aber wieder hohe Kosten. Als dann bei einer Vereinsversammlung der Vorschlag gemacht wurde, das ganze doch mit einem 1-wöchigen Vereinsausflug zu verbinden, waren spontan 40 Leute dabei. War es nur Anfangseuphorie, nach dem bereits einige Gläschen getrunken waren oder standen die alle wirklich dahinter? Das war die Frage. Die Kosten für den Ausflug musste schließlich jeder selbst bezahlen.

Die Vereinsmitglieder standen tatsächlich dahinter.

48 Reisende hatten wir am Schluss schließlich zusammen.

Wichtig war es aber noch, eine Schauspielerin zu finden, die fließend italienisch spricht – einmal für die Rolle, aber auch um bei den Dreharbeiten vermitteln zu können. Rudi, der vorgesehene Busfahrer wusste jemand: Carmen. Ich besuchte sie mit den Worten: „Würden Sie gerne bei einer Amateur-Theatergruppe in einem Film mitspielen? Das kostet Sie aber 500,- € und eine Woche Urlaub!“

Sie wollte und das war, wie sich später herausstellte, Gold wert.                                               

 

Richard und ich machten uns dann mit unseren Frauen im September 2012 auf den Weg in Richtung Cinque Terre (wenn schon, dann eine schöne Gegend) und wir fanden in Moneglia den idealen Drehort (kleiner liebenswerter, typisch italienischer Ort, direkt am Meer gelegen).       

 

Wichtig war es auch, ein kleines Hotel zu finden, das etwas abseits liegt und das wir möglichst für die ganze Woche alleine hatten, um bei den Drehs keine Schwierigkeiten mit anderen Gästen zu bekommen. Mit dem „Eva la Romantica“ hatten wir auch das gefunden.  

             

Im Januar 2013 fing ich dann an, ein Drehbuch zu schreiben. In der Geschichte geht es um einen alleinstehenden Mann, der zum 60. Geburtstag eine Italienreise geschenkt bekommt und darüber gar nicht glücklich ist, denn für ihn gibt es nur Bayern alles andere kannst du vergessen. Sprachen kann er überhaupt nicht und die Gepflogenheiten anderer Völker sind ihm zuwider. Er ist ein Mia-san mia-Mensch. 1. Akt Bühne,

2. Akt Italien (Film), 3. Akt Bühne.

Ende März war das Stück fertig.

 

Als ich es Reimund zeigte, sagte er nur ein Wort: „mutig“. Ich verstand nicht, was er damit meinte. War die Geschichte zu verworren, war sie zu sexistisch, was mir einige Moralisten immer wieder vorwerfen oder war sie zu flach. Ich sollte erst später bei den Dreharbeiten erfahren, was er wirklich meinte.

 

Und so flog ich Anfang April nochmals nach Pisa und von dort ging es mit der Bahn nach Moneglia. Ich musste Schauplätze für die einzelnen Szenen erkunden, klären, ob man im Hotel einiges umstellen und verändern konnte, ob wir in einer Bäckerei, beim Metzger und beim Gemüsehändler filmen durften und ob sich die Verkäufer auch zur Verfügungstellen würden. Wie wichtig das alles war, merkte ich erst später bei den Drehs selbst, denn damit hatten wir wahnsinnig viel Zeit gewonnen.  

           

Am 25. Mai 2013 war es dann so weit. Abfahrt mit dem Bus vom Haager Dorfplatz. Zeit: 05:30 Uhr. Tatsächliche Abfahrt allerdings erst um 07.00 Uhr, denn vorher waren noch die ersten Filmaufnahmen zu machen. Dann ging es gleich weiter im Bus und ich konnte es gar nicht glauben, wie schnell wir den Brenner passiert hatten. Die Zeit verging dabei wie im Flug. Alles schien zunächst wie am Schnürchen zu klappen. Man wollte pünktlich im Hotel sein, schließlich war um 20:45 Anpfiff des Champions-League-Endspiels Bayern gegen Dortmund. Kurz vor 18:00 Uhr noch 3 km bis Moneglia. Und dann kam der Tunnel: Höhe bis 3.00 m erlaubt. Der Bus hatte aber 3,65 m. Carmen und ich gingen ins nächste Dorf zurück und versuchten herauszubekommen, ob man da trotzdem durchfahren könne. Eine genaue, vor allem verlässliche, Auskunft war nicht zu erhalten. 

 

Also umkehren! Das war schon mal das 1. Abenteuer, denn dazu mussten wir einen Zaun abmontieren, damit das überhaupt ging. Wieder zurück auf die Autobahn, denn über Sestri Levante sollte es mit dem Bus möglich sein, da wären die Tunnel höher, hieß es zumindest. In Sestri Levante war aber schon frühzeitig zu lesen: Tunnelhöhe: 3.00 m. Also entschied man sich, über die Berge zu fahren, das hieß Serpentinen. Jetzt begann erst das richtige Abenteuer: 6 km engste Straßen und Serpentinen. Bei einigen Kurven musste jemand aussteigen und schauen, ob es überhaupt weiter ging. Da war manchmal nur 1 cm Luft auf beiden Seiten.
Die Frauen im Bus hatten echte Angst, die Männer noch mehr, allerdings hauptsächlich, dass man den Anpfiff für das Endspiel verpasst. Schließlich ging alles gut, Ankunft um 20:00 Uhr und am Schluss sagte man: Ende gut Alles gut!
                                                                                                                          

       

 Am nächsten Morgen ging es dann mit den Dreharbeiten richtig los:

Ruhe, Kamera läuft und Action. Es dauerte nicht lange, da hatte sich ein eingespieltes Team entwickelt: Reimund an der Kamera, Toby am Monitor, Thomas, der zuvor noch nie so etwas machte, steuerte exzellent den Ton aus und Stutzi und ich verfolgten den Text, die Gestik und die Mimik der Schauspieler oder sorgten für das nötige Licht. Bald merkten alle, Film ist etwas ganz anderes als Theater, vor allem für dieSchauspieler bedeutet dies viel Geduld, immer wieder die gleiche Szene, denn mit einem Dreh ist es nie getan. Entweder der Ton knackt, ein Schatten fälltauf’s Gesicht, das Licht passt nicht, es läuft jemand unvermutet durchs Bild, das Mikro blitzt an einer Ecke hervor, Schauspieler verhaspelt sich usw. Und dann muss jede Szene ja auch noch aus verschiedenen Positionen heraus gedreht werden – und immer muss alles gleich aussehen und gleich klingen.

Ich hatte mir das alles einfacher vorgestellt – wenn du aber 2 Profis dabei hast, dann gibt es kein „passt schon einigermaßen“, nur wenn alles hundertprozentig stimmt, wird die Szene „gekauft“. Bald merkte ich, was Reimund vor einigen Wochen meinte mit „mutig“. Er meinte, wie willst du das in einer Woche schaffen? Um es vorweg zu nehmen: es ging gut. Allerdings war da eine Menge Disziplin aller Beteiligter, eine genaue Tagesplanung und auch viel Glück nötig, denn das Wetter spielte nicht immer so mit, wie wir uns das wünschten. In Ligurien hatte man den kältesten Mai seit 200 Jahren! Es waren aber auch einige Szenen im Meer zu drehen.

  

Das war jedoch nicht nur eiskalt, sondern hatte meistens einen so hohen Wellengang, dass an Dreharbeiten nicht zudenken war.

Sobald die Sonne rausblitzte und das Meer einigermaßen ruhig war, wurde der Tagesplan dann wieder umgeworfen und man ging an die Wasserszenen ran. Hier mussten unser heimlicher Star Paul (9Jahre), Carmen, Richard und Wolfgang ganz schön auf die Zähne beißen. Diese hörte man vor allem bei Paul nach dem Dreh auch gehörig klappern.

  

Wir drehten täglich gleich nach dem Frühstück bis zum Abendessen, manchmal auch noch danach, wenn es das Licht zuließ. Irgendwann kannten wir fast jeden Winkel in Moneglia, aber die Bewohner von Moneglia kannten auch uns bald, denn wir zogen die Blicke schon auf uns, wenn wir mit 10 bis 15 Leuten, bepackt mit Kamera, Stativen, Licht, Mikro usw.durch die Gassen zogen. Und dann war da ja auch noch Richard, unser Hauptdarsteller, der den Bene spielte und mit Lederhose, Wadlstrümpfen, Haferlschuhen und Trachtenhut alles begleitete. Oft fragten uns auch Touristen, wann man das im Fernsehen sehen könnte. Besonderen Spaß machte es, wenn wir die einheimische Bevölkerung integrieren konnten, das war so im Hotel, in einer Bäckerei, beim Metzger, bei einem Gemüsehändler und mit spielenden Kindern am Strand. Carmen erklärte kurz, was die italienischen Protagonisten zu tun und zu sagen hatten und los ging es.

Am vorletzten Tag, abends, hatten wirschließlich alle wichtigen Szenen gedreht, ein schöner und für mich sehr emotionaler Augenblick. Der letzte Tag konnte jetzt entspannt angegangen werden und wir fingen noch ein paar Eindrücke und typisch italienisches Flair für Zwischenschnitte ein.

Nach einer Woche hatten wir dann 165GB Filmmaterial, das entspricht 13 Stunden Film. Für Toby beginnt nun die Hauptarbeit: daraus einen 45-minütigen Film zu schneiden.

Am 1. Juni 2013 ging es dann wiederheim. Ohne Probleme über die Tunnels nach Sestri Levante und von da auf die Autostrada, im Gepäck nicht nur das Filmmaterial, sondern auch die Gewissheit, dass dieses Erlebnis das Haager Komödienbrettl noch mehr zusammenschweißte. Alles geschafft, nichts passiert, alle gesund, alles gut! Und um es nach demTitel des Stücks zu sagen:

 

TUTTO BENE.

 

 

von

Reinhard Seibold

(Autor und Regisseur beim Haager Komödienbrettl)